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„Nothing about us, nothing without us!” – Interview mit Deinedt Castellanos

03.03.2026

Zwischen dem 17. und 20. Februar spielte sich historisches in den Räumlichkeiten der Vereinten Nationen in Genf ab: Erstmals trat die neu eingesetzte zwischenstaatliche Arbeitsgruppe (Intergovernmental Working Group, kurz: IGWG) zusammen, um mit der Ausarbeitung einer international anerkannten und rechtlich bindenden Weltaltenrechtkonvention zu beginnen.

Ältere Menschen Weltaltenrechtskonvention aktiv mitgestalten

HelpAge war live vor Ort in Genf und hatte mehrfach die Gelegenheit, unsere Position zu dem Entstehungsprozess der Weltaltenrechtskonvention einzubringen. Im Kern unserer Forderungen steht das Motto „Nothing about us, nothing without us!“: Ältere Menschen müssen aktiv in die Ausgestaltung der Konvention eingebunden werden, anstatt dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Lesen Sie unseren Nachbericht zu der Auftaktsitzung der IGWG, wenn Sie mehr über unsere Teilnahme und Forderungen erfahren möchten.

„Ich möchte Ältere dazu bewegen, ihre Stimme zu erheben und lautstark ihre Rechte einzufordern“

Am Rande des mehrtägigen Events hatten wir die Gelegenheit mit Deinedt Castellanos zu sprechen. Frau Castellanos ist die Präsidentin des Netzwerks Red Colombiana, das sich innerhalb Kolumbiens für die Rechte und Lebensqualität älterer Menschen einsetzt. Der Schwerpunkt der Arbeit des Netzwerks liegt auf dem Kampf gegen Altersdiskriminierung, der Stärkung sozialer Unterstützungssysteme und der Förderung eines würdevollen Lebensabends. Red Colombiana arbeitet seit mehreren Jahrzehnten eng mit dem internationalen HelpAge-Netzwerk zusammen. Auf Einladung von HelpAge International nahm Frau Castellanos zusammen mit weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren aus Ländern, in denen HelpAge tätig ist, an der Auftaktsitzung der IGWG in Genf teil, um die Stimme älterer Menschen aus dem globalen Süden in die Verhandlungen einzubringen.

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„Ich möchte Ältere dazu bewegen, ihre Stimme zu erheben und lautstark ihre Rechte einzufordern“

HelpAge Deutschland: Frau Castellanos, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns nehmen, es ist uns eine Freude. Können Sie sich und Ihre Advocacy-Arbeit zugunsten der Rechte älterer Menschen in Kolumbien kurz vorstellen?

Deinedt Castellanos: Sehr gerne! Mein Name ist Deinedt Castellanos, Gerontologin und Altenrechtlerin aus Kolumbien. Seit 30 Jahren arbeite ich eng mit HelpAge zusammen und konnte in dieser Zeit einige Erfolge für ältere Menschen in Kolumbien erzielen: So wurden auf nationaler Ebene Gremien und Gesetzgebung geschaffen, die den Schutz und die Teilhabe älterer Menschen sichern sollen. Einen der größten Erfolge meiner Advocacy-Tätigkeit erreichte ich im Jahr 2015: Zusammen mit vielen engagierten Kolleg*innen aus der lateinamerikanischen Zivilgesellschaft konnten wir die Schaffung einer Interamerikanischen Altenrechtskonvention erwirken, die inzwischen auch von der kolumbianischen Regierung ratifiziert wurde. Aber die Arbeit hört nie auf: Aktuell gilt es, die Konvention zu überarbeiten, um noch mehr benachteiligte Gruppen mit an den Verhandlungstisch zu holen.

HelpAge Deutschland: Jetzt sind wir hier bei der UN in Genf. Was motiviert Sie, sich in den Entstehungsprozess einer international anerkannten Weltaltenrechtskonvention der Vereinten Nationen einzubringen?

Castellanos: Als Gerontologin, die zu Themen rund um das Gemeinwesen studiert hat, beschäftigt mich dir Rolle Älterer in der Gesellschaft seit mehr als 30 Jahren. Im Hinblick auf meine Heimat Kolumbien habe ich das Gefühl, dass viele ältere Menschen sich selbst nicht als politische Akteure wahrnehmen, die für ihre Rechte einstehen müssen. Ich möchte Ältere dazu bewegen, ihre Stimme zu erheben und lautstark ihre Rechte einzufordern. Außerdem ist es für mich persönlich eine Anerkennung meiner langjährigen Arbeit, dass ich meine Expertise hier auf globaler Ebene einbringen kann.

Foto: Am Rande der Auftaktsitzung der IGWG trafen wir Deinedt Castellanos, Präsidentin von Red Colombiana, für ein Gespräch über ältere Menschen, ihre Heimat Kolumbien und eine mögliche Weltaltenrechtskonvention © HelpAge International/ Nelson Tamayo

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Ältere Menschen in Kolumbien vielfachen Diskriminierungen ausgesetzt

HelpAge Deutschland: Sie sprechen die Situation älterer Menschen in Kolumbien bereits an: Was sind die größten Herausforderungen, mit denen sich diese besonders vulnerable Gruppe in Kolumbien konfrontiert sieht?

Castellanos: Unsere Regierung lässt ältere Menschen im Stich. Ihnen werden Grundrechte wie beispielsweise der Zugang zu medizinischer Basisversorgung erschwert oder gar ganz verwehrt. Aber klassische Sicherungssysteme wie die Familie funktionieren vielfach nicht mehr. Das führt zu Vernachlässigung und im schlimmsten Fall sogar Misshandlungen Älterer.

HelpAge Deutschland: Können Sie Beispiele dafür geben, wie fehlender Zugang zu medizinischer Versorgung, fehlende soziale Sicherungssysteme und Einkommensunsicherheiten das Leben älterer Kolumbianer*innen beeinflussen?

Castellanos: Da fallen mir direkt diverse Beispiele ein! Nehmen wir das Thema Einkommensunsicherheit: In Kolumbien leben schätzungsweise rund sieben Millionen ältere Menschen, jedoch erhält nur rund eine Million von ihnen eine regelmäßige Rente. Und in vielen Fällen sprechen wir hier von einer Rente auf dem Niveau eines Mindestlohnes. Für viele Menschen reicht das schlicht nicht zum Leben. Den restlichen 6 Millionen Ältere geht es aber noch viel schlechter: Ihnen fehlt eine geregelte Einkommensquelle. Es existiert zwar eine staatliche Grundrente, die beträgt aber nur etwa 50 USD pro Monat. Das ist wirklich nicht viel, zu wenig, um damit den eigenen Unterhalt bestreiten zu können. Deshalb müsse diese Menschen auch im hohen Alter noch schwer arbeiten, um ihren Alltag zu finanzieren. Sie tun das oftmals im informellen Sektor, wo es keine Arbeitsverträge oder andere Arbeitsschutzmechanismen gibt. Eine andere Hürde ist der Zugang zum Gesundheitssystem: Nur die wenigsten älteren Menschen in Kolumbien sind krankenversichert und wenn doch, dann oftmals nur über die private Krankenversicherung ihrer Kinder.

HelpAge Deutschland: Existieren innerhalb der Gruppe der älteren Menschen in Kolumbien noch besonders vulnerable Untergruppen z.B. Menschen mit Beeinträchtigungen?

Castellanos: Ja, natürlich. Erstmal kommen mir hier Bäuer*innen in den Sinn. Neben der Landflucht jüngerer Familienmitglieder stellt das Stadt-Land-Gefälle viele ältere Menschen, die in ländlichen Gegenden wohnen, vor große Probleme: Die kolumbianische Regierung tut zu wenig für ländliche Gegenden, so sind beispielsweise staatliche Dienstleistungen wie Bildung oder medizinische Versorgung auf dem Land oftmals gar nicht oder nur eingeschränkt verfügbar. Eine zweite Gruppe, die mir einfällt, sind indigene Gruppen: Sie betreffen dieselben Probleme wie alle anderen älteren Kolumbianer*innen, jedoch sind sie historisch gesehen darüber hinaus noch besonders durch bewaffnete Konflikte und Gewalt bedroht.

Foto: Vielen älteren Kolumbianer*innen fehlt ein altersgerechter Zugang zur medizinischen Grundversorgung. © Convite

Verbindlicher Rechtsrahmen zum Schutz Älterer

HelpAge Deutschland: Welche Bedeutung hat eine Weltaltenrechtskonvention für ältere Menschen in Kolumbien?

Castellanos: Ein weltweit verbindlicher Rechtsrahmen würde bedeuten, dass die kolumbianische Regierung die Belange älterer Menschen nicht länger ignorieren kann. Aber es liegt noch viel politische Arbeit vor uns.

HelpAge Deutschland: Glauben Sie, dass die Gespräche hier in Genf den politischen Prozessen in Kolumbien einen Schub geben werden?

Castellanos: Ja, auf jeden Fall! Natürlich hängt vieles von der Regierung ab, aber eine Weltaltenrechtskonvention würde einen rechtlichen Rahmen für vieles schaffen, was wir schon lange fordern. Ich hoffe, dass eine Weltaltenrechtskonvention auf der Basis aufbaut, die wir bereits mit der Interamerikanischen Altenrechtkonvention gelegt haben. Wichtig wird die Einbindung zivilgesellschaftlicher Bürgerinitiativen sein, damit diese sich aktiv am Entstehungsprozess beteiligen können.

HelpAge Deutschland: Welche Botschaft möchten Sie der kolumbianischen Regierung und anderen Regierungen, die sich am Entstehungsprozess der Weltaltenrechtskonvention beteiligen, mitgeben?

Castellanos: Mir ist es wichtig, dass ältere Menschen bereits im Entstehungsprozess und natürlich letztendlich durch die fertige Konvention gestärkt werden und endlich stärker in politische Entscheidungen, die sie betreffen, eingebunden und nicht länger übersehen werden.

HelpAge Deutschland: Frau Castellanos, wir danken Ihnen vielmals für das aufschlussreiche Gespräch mit Ihnen!

Unterstützen Sie ältere Menschen jetzt!

Mit einer Spende an HelpAge unterstützen Sie unsere weltweite Projektarbeit zugunsten älterer Menschen, beispielsweise in Kolumbien und Venezuela. In den südamerikanischen Ländern helfen wir geflüchteten Venezolaner*innen und ihren kolumbianischen Aufnahmegemeinden entlang der Fluchtrouten u.a. mit verbessertem Zugang zu medizinischer Versorgung und psychosozialer Unterstützung sowie zu sauberem Trinkwasser und vielem mehr.

Ansprechperson

Person schaut in die Kamera

Dr. Jürgen Focke

Referent Policy & Advocacy