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Projektbesuch im Flüchtlingscamp Nduta und Mtendeli, Tansania

Im Nord-Westen Tansanias arbeiten wir in den beiden Flüchtlingscamps in Nduta und Mtendeli, Tansania:
  • 86.071 registrierte Geflüchtete im Nduta Camp (Stand: 30.06.2019)
  • 34.500 registrierte Geflüchtete im Mtendeli Camp (Stand: 30.06.2019)
  • 71.971 Geflüchtete, die seit 2017 aus den Camps wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind (Stand: 30.06.2019)

Bericht von Harald Happel | Nduta, Tansania | 8. August 2019:


Es ist eine der Krisen, die die Weltöffentlichkeit weitgehend vergessen hat

Seit den Unruhen im Nachbarland Burundi von 2015 fanden hier in Nduta 86.071 Flüchtlinge (Stand vom 30. Juni 2019) Zuflucht. Es ist eine der Krisen, die die Weltöffentlichkeit weitgehend vergessen hat. Schon von weitem war die Menschenmenge zu erkennen, die sich zu unserem Empfang versammelt hatte. Die meisten davon Freiwillige aus dem Flüchtlingslager, die das HelpAge-Team aus Kibondo bei ihrer Arbeit im Lager unterstützen. Viele Hände waren zu schütteln und viele freuten sich, wenn man sie auf Französisch ansprach. Für die entsprechende Atmosphäre sorgte eine Frauengruppe mit einem Willkommenstanz und Trommelklang, die den HelpAge-Direktor aus Tanzania und mich rasch in ihre Reihen integrierten. 

Hilfe zur Selbstorganisation

HelpAge ist im Lager Nduta im Auftrag von UNHCR tätig und baut – ebenso wie im Lager Mtendeli - sogenannte gemeindebasierten Strukturen (Community Based Structures in Form von Older Peoples Associations) auf, damit ältere Menschen sich organisieren und ihre Interessen im Rahmen des Camp Managements besser artikulieren können. Der Aufbau dieser Strukturen geschieht entlang der Zonen, in die das Lager eingeteilt ist, mittlerweile sind sie durchgehend vorhanden, in Nduta existieren 21 davon. Die Hoffnung und Erwartung ist, dass durch diese Strukturen die Betroffenen in die Lage versetzt werden, ihre Rechte gegenüber der Regierung auf allen Ebenen geltend zu machen, selbst wenn sich humanitäre Akteure kurz-, mittel- oder langfristig ganz zurückziehen sollten.     

Neben dieser Hilfe zur Selbstorganisation, führt HelpAge zahlreiche Aktivitäten mit und für die Älteren unter den burundischen Flüchtlingen durch. Aufgrund der Größe des Camps hat die Organisation dazu 8 Standorte eingerichtet, um die Wege für die Menschen zu verkürzen und die Dienste erreichbar zu machen. 

Rehabilitationsmaßnahmen

Zu den Aktivitäten gehören auch Rehabilitationsmaßnahmen. Laut Statistik haben 7.234 Menschen im Camp spezifische Bedarfe hinsichtlich einer körperlichen und/oder geistigen Beeinträchtigung und gerade der Anteil älterer Menschen ist hier sehr hoch. Die Einrichtungen reichen also bei weitem nicht aus. Im Tagesdurchschnitt besuchen dieses Zentrum 80 Menschen. Es wird gemanagt durch speziell ausgebildete Physiotherapeuten, die die Menschen fachkundig in ihren Übungen anleiten. 

Einkommensschaffende Maßnahmen

Als weitere Säule gibt es zahlreiche einkommensschaffende Maßnahmen. So wurde z.B. ein Nähkurs eingerichtet. Ich konnte bereits einige der schönen Kleidungsstücke bewundern, die diese anfertigten und demnächst auf dem lokalen Markt oder im Lager zum Verkauf angeboten werden. Der Kurs dauert 6 Monate und schließt mit einem Zertifikat ab. Es unterrichtet ein Schneider, der diese Tätigkeit auch in Burundi nachging. Auch das Kunsthandwerk floriert. Behälter und Körbe sowie Tragetaschen unterschiedlichster Größe, Farben und Muster werden hier geflochten. Einige Artikel waren so farbenfroh und praktisch, dass ich einfach nicht widerstehen konnte. Im Rahmen dieser Maßnahmen können die Menschen ihre Lebenssituation verbessern, indem sie die Dinge nach Fertigstellung auf dem lokalen Markt oder im Camp verkaufen oder gegen andere Dinge eintauschen. Oftmals werden Lebensmittel eingekauft, um damit eine größere Ausgeglichenheit bei den Nahrungsmitteln zu erreichen, denn die monatlichen Rationen von WFP enthalten nur eine Mais-Sojamischung. 

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Niyibizi Beninye (32 Jahre alt) hat eine Behinderung im Bein. Im Nähkurs von HelpAge erhält sie daher eine spezielle Maschine, die sie nur mit den Händen bedient.

Eine neue Herausforderung

Seitdem jedoch im Februar 2019 der Markt vor den Toren des Camps auf Entscheidung des Premierministers geschlossen und angeordnet wurde, ihn innerhalb des Camps zu verlegen (was bis jetzt nicht stattfindet), verschlechtert sich die Lage für die Flüchtlinge in den Lagern und die umliegenden Gemeinden (host communities) zusehends. Hier braucht es eine baldige Lösung. Ohnehin leiden die Flüchtlinge daran, dass durch die chronische Unterfinanzierung des UN Response Programms eine ausgewogene Ernährung längst nicht für alle Menschen gewährleistet werden kann.  

Incentive Workers für Menschen mit Beeinträchtigung

Besonders beeindruckt hat mich die Arbeit der Incentive Workers, die meisten davon junge Menschen aus der Gruppe der Flüchtlinge. Begeistert erzählten sie mir von ihrer Tätigkeit. Sie haben sich in Gruppen organisiert und decken alle Zonen ab, um die Personen zu besuchen, die aufgrund ihrer Beeinträchtigungen keine Dienstleistungen mehr erreichen können und zu Hause bleiben müssen. Sie fungieren als ihre Kontaktpersonen, um dann adäquate Hilfe zu organisieren. Insgesamt gibt es 105 dieser Incentive Workers im Nduta Camp, jeder/jede von ihnen betreut mindestens 125 Personen, die besondere Unterstützung benötigen. Zusammen mit einigen dieser Incentive Workers besuchten wir dann eine alleinstehende Ältere Frau namens Veronika (Name geändert), die sich beim Bau Ihrer Hütte Camp so schwer am Bein verletzt hatte, dass sie seitdem pflegbedürftig ist. Sie ist nun ganz auf die Hilfe ihres Sohnes und einer weiteren Pflegekraft angewiesen. Ihre Freude darüber, dass sich fremde Menschen für Ihr Schicksal interessieren, war ihr sichtlich anzumerken. Es ist nicht leicht, sich aus solchen Situation zu verabschieden. Ob es ein Wiedersehen mit Veronika gibt?    
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Veronika (84 Jahre alt | Name geändert) ist seit einem Unfall beim Bau ihrer Hütte pflegebedürftig und erhält Unterstützung von den Incentive Workers.

Die Perspektiven der Geflüchteten 

In Gesprächen mit den Vertretern des UNHCR Büros in Kibondo (Mr. Acacio Jafar Juliao, Head of Office, and Ms. Luisa Maithya, Senior Protection Officer) war zu erfahren, dass die Lage in Burundi nach wie vor als instabil eingeschätzt wird, auch wenn gegenwärtig keine Flüchtlinge mehr kommen. Das bedeutet weiter: die Perspektiven für die Geflüchteten nach Burundi zurückzukehren sind als sehr gering zu veranschlagen und Tansania wird noch länger in der Rolle des Aufnahmelandes sein.

Der Grundsatz der freiwilligen Rückkehr steht deshalb im Zentrum der Arbeit von UNHCR. Der zahlenmäßige Trend belegt dies: diejenigen, die seit September 2017 zurückgekehrt sind, lässt sich auf 71.971 beziffern, davon waren 6.985 Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf. Bei den wenigen Rückkehrern, die es gibt, ist nach Angaben des UNHCR auch oftmals nicht eigentlich Burundi das Ziel, sondern andere Destinationen wie Uganda, Kenia oder auch Europa. Die Lage in den Camps bezeichnete man als angespannt, da zu wenige finanzielle Mittel bereitstehen und die Probleme der Versorgung seit der Schließung des lokalen Marktes eine Verschärfung erfahren haben. 

Die Lösungsansätze von HelpAge

Seitens des UNHCR wird der Ansatz von HelpAge sehr unterstützt, nicht nur in den Camps zu arbeiten, sondern auch in den umliegenden Gemeinden (host communities) und damit Konflikten zwischen Flüchtlingen und der einheimischen Bevölkerung vorzubeugen. HelpAge konnte im Gespräch noch einmal seinen spezifischen Ansatz mit dem Aufbau von gemeindebasierten Strukturen, Cash Transfers zur Gründung von Kleinstunternehmen und Rehabilitationsmaßnahmen verdeutlichen. Insgesamt setzt HelpAge 40% der Mittel aus dem Programm für Maßnahmen in diesen Gemeinden ein. Wir verabschiedeten uns herzlich von den UN Kollegen und waren natürlich sehr froh über die Wertschätzung, die man unserer Arbeit entgegenbringt. 

Die Mittel für die Arbeit von HelpAge stammen vom Auswärtigen Amt, ECHO und UNHCR. Aufgrund der andauernden humanitären Notlage der Flüchtlinge in den Lagern ist HelpAge bestrebt, die Maßnahmen über das Jahr 2020 hinaus mit Hilfe des Auswärtigen Amtes und anderer Partner fortzusetzen.
Veröffentlicht am 21.08.2019