Die alten Weisen Von der Weltgemeinschaft anerkannt
In vielen Entwicklungsländern wissen Kinder nur noch wenig von eigenen Kulturen und Traditionen. In der Schule lernen sie lesen und schreiben, rechnen und moderne Verhaltensweisen. Für die eigene Sprache und Kultur, den Umgang mit der Natur oder religiös-kulturelle Traditionen, für das Wissen, das über Generationen die Alten an die Jungen weitergegeben haben, bleibt da kein Platz mehr. Dabei verfügen alte Menschen über eine Vielfalt an Erfahrungen und Fertigkeiten. Ihre Lebensweisheit ist ein Reichtum, auf den kommende Generationen bauen können.
Bis Anfang der 90er Jahre nahm die Entwicklungspolitik das praktische Alltagswissen indigener ("einheimischer") Völker so gut wie nicht wahr. Dies änderte sich erst mit dem Widerstand indianischer Gemeinschaften gegen einseitige, von den Industriestaaten diktierte Entwicklungsprogramme und der sich zuspitzenden weltweiten Klimakrise. Wissenschaft und Politik begreifen nun mehr und mehr den Reichtum und die Bedeutung des indigenen Wissens für einen umweltverträglichen Lebensstil. Die Kenntnisse und Praktiken, die lokale Gemeinschaften im Laufe von Generationen über ihre lebendige Umwelt gebildet und weiterentwickelt haben, wurden erstmals international und verbindlich anerkannt mit dem 1992 auf der Konferenz von Rio de Janeiro beschlossenen "Übereinkommen über die biologische Vielfalt" (CBD). Es verlangt die Respektierung, den Erhalt und die Bewahrung des traditionellen Wissens indigener Kulturen. Hierfür ist die Anerkennung der kollektiven Landrechte und landschaftlichen Nutzungsrechte von entscheidender Bedeutung. Mit dem Übereinkommen Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus dem Jahr 1989 und der Erklärung der Vereinten Nationen (UN) über die Rechte indigener Völker (2007) wurden entscheidende Schritte in diese Richtung gemacht.
Indigene Gemeinschaften als "Hüter der biologischen Vielfalt"
Indigene Gemeinschaften werden als "Hüter der biologischen Vielfalt" gesehen. Lebendiges Umweltwissen lässt sich kaum aus seinem kulturellen Zusammenhang lösen. Es ist mehr als Fachwissen oder technisches Verfahren, weil es direkt mit zeremoniellen Handlungen verbunden ist. Für das Überleben der vielen lokalen Wissensschätze ist deshalb entscheidend, dass der kulturelle Zusammenhang - Sprache, Brauchtum, Weltanschauung - erhalten bleiben. Mit der "Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes" (2003) der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) wird diese Lücke geschlossen. Zumeist von alten Menschen mündlich überlieferte Traditionen und Lebenspraktiken - Tanz, Musik, Rituale und Feste, aber ebenso bäuerliches Wissen und handwerkliches Können – werden mit der 2006 in Kraft getretenen Konvention geschützt, gefördert, aufgewertet und als Weltkulturerbe weitergegeben.
Die von HelpAge geförderten Projekte stehen im Geiste dieser Erkenntnisse und internationalen Übereinkommen. HelpAge möchte sich dafür stark machen, dass die Bundesregierung möglichst umgehend diese Konvention ratifiziert. Andere EU-Mitgliedsstaaten haben dies längst getan.