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Wenn traditionelle Systeme ausfallen

von John Emeka Akude

»Der Tag, an dem der Senior Citizens Act von unserem Parlament in Khyber Pakthunkwa verabschiedet wurde, war der schönste Tag meines Lebens«, so Shakir Hussain. Über zwei Jahre lang hatte der Präsident der Altenorganisation der Stadt Nowshera zusammen mit seinen AltersgenossInnen auf ein Gesetz zum Schutz der Altenrechte hingearbeitet. »Wir wussten, jetzt würde unser Leben besser werden, wir würden eine Rente bekommen, kostenlose medizinische Versorgung, wir könnten in Würde leben«, erinnert sich der 58-Jährige. Seither hat eine weitere Provinz ein ähnliches Gesetz verabschiedet.

Wie in ganz Asien vollzieht sich der Alterungsprozess in Pakistan mit großer Geschwindigkeit. Lebten hier 2012 rund 11,7 Millionen Menschen mit einem Alter über 60 Jahre – im Jahr 2050 werden es bereits 43,3 Millionen sein (15,8 Prozent der Bevölkerung). Armut stellt in dem Land eines der größten Risiken für alte Menschen dar. Sieben von zehn BewohnerInnen des Landes leben von Einkommen aus dem Agrarsektor und dem informellen Sektor (Tagelöhner etc.). Diese Art der Arbeit – körperlich oft sehr anspruchsvoll – kann im Alter zumeist nicht fortgesetzt werden, sodass die Einkommensgrundlage entfällt. Etwa 70 bis 80 Prozent der älteren Bevölkerung haben daher keinerlei Einkommen. Weder auf der Landes- noch auf Provinzebene gibt es ein umfassendes Renten- oder sonstiges soziales Sicherungssystem. Formale Pensionen werden nur an ehemalige RegierungsbeamtInnen oder Militärangehörige gezahlt – diese Personengruppen sind auch die einzigen, die Zugang zu kostenloser oder bezuschusster medizinischer Versorgung haben. Der Mangel an Einkommensmöglichkeiten für alte Menschen macht sie davon abhängig, von ihren Familien versorgt zu werden – wobei 30 bis 45 Prozent aller Haushalte in Pakistan unter der Armutsgrenze leben. Zusätzlich benachteiligte alte Menschen wie beispielsweise solche mit Behinderungen, Alleinstehende, Verwitwete oder Versorgende von Enkelkindern sind besonders von Armut bedroht.


Filmstill aus: »Ein Mann der schreit«, Tschad/Frankreich 2011, Regie: Mahamat-Saleh Haroun | Foto: trigon-film

Neben der Einkommensarmut stellt die gesundheitliche Versorgung ein zentrales Problem für alte Menschen in Pakistan dar. Sie sind häufig von chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen. Im Gegensatz zu Infektionskrankheiten haben Vorsorge, Diagnose und Behandlung dieser Krankheiten in der Basisgesundheitsversorgung jedoch keine Priorität. Eine bessere Versorgung ist über private Gesundheitsdienstleister verfügbar. Allerdings ist diese für den Großteil der betroffenen alten Menschen nicht bezahlbar. Krankenversicherungen sind ebenfalls sehr teuer – und zudem nur bis zum Alter von 60 Jahren zugänglich. Die pakistanische Regierung hat kürzlich zwar ein Programm zur staatlichen Krankenversicherung ins Leben gerufen. Dadurch erhalten arme Familien die Möglichkeit, vor allem schwere und akute Erkrankungen einfacher behandeln zu lassen. Aber das Programm ist derzeit nur für eine begrenzte Zahl von Menschen in Gebieten verfügbar, die unter der direkten Verwaltung der Regierung stehen. Innerhalb dieser Gebiete wird die Krankenversicherung nur in Teilen Islamabads und Kaschmirs tatsächlich umgesetzt.

Der Senior Citizens Act

Schließlich erodieren die traditionellen sozialen Sicherungssystemein Pakistan immer mehr und stellen dadurch alte Menschenvor neue Herausforderungen. Bisher leben sie in der Regel bei ihren Familien und werden von den eigenen Kindern versorgt. Pakistan durchlebt jedoch eine Phase der rapiden Urbanisierung. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung lebt inzwischen auf der Suche nach besseren Einkommensmöglichkeiten im städtischen Raum. Dieser Trend beeinflusst die traditionellen Familiensysteme: Die jüngere Generation migriert in die Städte und steht zur Versorgung der Älteren – abgesehen von eventuellen Geldtransfers – nicht mehr zur Verfügung. Es sind hauptsächlich ältere Menschen, die im ländlichen Raum zurückbleiben, teilweise versorgen sie dort in Abwesenheit der mittleren Generation die eigenen Enkelkinder. Altenheime, Pflegeheime oder Pflegedienste gibt es in Pakistan nur wenige, in vielen Regionen überhaupt keine.

Nach Überschwemmungen in der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa 2010 verschlechterte sich die Situation vieler alter Menschen noch zusätzlich. Als Teil eines Notfallplans organisierte die Nichtregierungsorganisation HelpAge 25 Vereinigungen älterer Menschen (Older Peoples‘ Associations – OPAs) in der Provinz, um Hilfsleistungen zu ermöglichen. Die OPAs engagierten sich anschließend auch in Kampagnen für die Rechte älterer Menschen. Durch die Verfassungsänderung von 2010 wurde die Zuständigkeit für die Bereiche soziale Sicherheit und Menschenrechte vom Zentralstaat an die Provinzen übertragen. Dort haben die Altenorganisationen jahrelang Lobbyarbeit geleistet. »Wir haben uns mit den zuständigen Behörden getroffen, in Konsultationen unsere Vorschläge eingebracht, haben Kampagnen durchgeführt, mit den Medien zusammengearbeitet und Druck aufgebaut«, zählt Shakir Hussain auf, »sehr viele Menschen aus den Altenorganisationen haben hart dafür gearbeitet«. Diese Arbeit war schließlich von Erfolg gekrönt.

Khyber-Pakhtunkhwa verabschiedete 2014 als erste der vier Provinzen Pakistans einen Senior Citizens Act und schuf damit ein Gesetz zum Schutz der Rechte von fast zwei Millionen alten Menschen. Die Provinz Sindh folgte 2016 mit einem ähnlichen Gesetz. Beide Gesetze haben das Potenzial, die bedürftigsten alten Menschen mit einem zuverlässigen Grundeinkommen zu versorgen und ihnen eine bessere Gesundheitsversorgung in öffentlichen Krankenhäusern zu ermöglichen. Darüber hinaus beinhalten sie weitere Vergünstigungen, zum Beispiel die kostenlose Nutzung von Museen, Parks, Bibliotheken oder separate Schalter und Abteilungen in öffentlichen Einrichtungen und Krankenhäusern. Dies kann sich wiederum positiv auf die soziale Teilhabe älterer Menschen auswirken und ihre soziale Isolation aufbrechen. Des Weiteren wurden mit den Gesetzen Altenräte geschaffen, die ältere Menschen auch praktisch unterstützen sollen, zum Beispiel indem Wohnraum geschaffen und Rentenansprüche gesichert werden.

Alles wie zuvor?

Bisher scheinen diese Regelungen jedoch vor allem auf dem Papier zu existieren, denn es mangelt an der Umsetzung der Gesetze. »Kaum etwas hat sich verändert«, resümiert Hussain, und meint damit die konkreten Lebensumstände vieler älterer Menschen. Abgesehen von der Gründung des Altenrats in Khyber-Pakhtunkhwa und einer ersten Sitzung gibt es keine Fortschritte. »Eine Delegation unserer OPAs besuchte die Regierungsbeamten. Diese informierten uns, dass die Umsetzung bald erfolgen würde. Nach sechs Monaten passierte nichts. Innerhalb dieser Zeit haben etliche kranke und bedürftige ältere Menschen die Krankenhäuser sowie andere öffentliche Einrichtungen aufgesucht. Es hat mich überrascht, dass Ärzte und Mitarbeiter der Krankenhäuser überhaupt keine Ahnung vom Altengesetz haben. Renten bekommen wir auch nicht. Das Gesetz ist bald drei Jahre verabschiedet, trotzdem hat die Implementierung noch nicht begonnen«.

Das geringe Interesse für die Rechte und die alltäglichen Herausforderungen von alten Menschen mag unter anderem eine Folge davon sein, dass die Betreuung und Pflege von alten Menschen bislang eine sehr private und familiär geregelte Angelegenheit war. Obwohl dieses System im Zuge von Konflikten und Migration zunehmend auseinanderbricht, ist im Bewusstsein vieler Menschen noch nicht verankert, wie dringend nötig hier neue Lösungen sind. Zudem weiß der Großteil der ParlamentarierInnen, BeamtInnen und auch der Öffentlichkeit kaum etwas über den Senior Citizens Act. Das Thema Alter ist für Khyber-Pakhtunkhwa und ganz Pakistan noch neu. Fehlendes Wissen, mangelnder politischer Wille, eine langsame Bürokratie, geringe technische und fachliche Expertise, eine schlechte Datenlage und fehlender Druck von oben und aus der Zivilgesellschaft haben dazu geführt, dass die Umsetzung der neuen Gesetze stockt.

Die Verletzung der Rechte alter Menschen wird in Pakistan auch weiterhin nicht als Problem erkannt. Weder Politik und Behörden, noch die Öffentlichkeit, Wissenschaft oder die Medien sind für das Thema Altern und dessen Auswirkungen auf die pakistanische Gesellschaft ausreichend sensibilisiert. Sie ignorieren die Tatsache, dass die auf Religion, Kultur und Tradition gründende Versorgung und Schutz sowie Respekt vor alten Menschen faktisch in weiten Teilen nicht mehr vorhanden ist und das System nicht mehr funktioniert.

Dieser Artikel ist ursprünglich in der
Sept./Okt. 2017 Ausgabe der iz3w erschienen.


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